Vom Fell zum Fenster

Es schützt vor Lärm, Kälte und Regen. Licht lässt es herein. Unglaublich, dass Ingenieure das noch verbessern wollen.
Die Unterscheidung von „drinnen“ und „draussen“ ist in der Menschheitsgeschichte ziemlich neu: Erst vor 12.000 Jahren kamen Siedler auf die Idee, Häuser zu bauen. Vier Wände und ein Dach: endlich Schutz vor Regen, Kälte und Nachbarn. Leider stieg innen nun die Feinstaubkonzentration. Schliesslich war die Feuerstelle schon erfunden, nicht aber der Induktionsherd. Was also tat homo sapiens? Er schlug ein Loch in die Wand. Diese Öffnung beschäftigt die Menschheit bis heute.
Damals schuf das Loch in der Wand Abhilfe gegen Lichtarmut und schlechte Luft. Doch es brachte neue Probleme mit sich: Wie lassen wir Licht ins Haus, halten aber die Kälte draussen? Und wie können wir hinaussehen, ohne dass ungebetene Gäste hereinkommen können? Die Römer lösten diese Herausforderungen mit Atrien. In die offenen Innenhöfe fiel Licht von oben ein und beleuchtete die umliegenden Räume. Ausserdem waren direkt unter dem Dach kleine Löcher für die Belüftung. Am Mittelmeer war das Klima mild, und eine luftige Bauweise war auch im Winter kein Problem.
Im Norden dagegen zwang die kalte Witterung die Menschen, sich auf Schlitze in der Wand zu beschränken, die hauptsächlich als Rauchabzug dienten. Das englische Wort für Fenster zeugt noch heute davon, dass es in dieser Gegend eher als nötiges Übel gesehen wurde, das schlechtes Wetter hereinlässt: window bedeutet nämlich ursprünglich Windauge.
Felle und Holz vor den Öffnungen schützten die Bewohner zwar vor der gröbsten Zugluft und hielten Schnee und Regen fern – doch befriedigend war das nicht. Dann jedoch besann man sich eines uralten Stoffs, der schon in der Steinzeit als Waffe gedient hatte. Schwarz und scharfkantig waren die ersten Zufallsfunde gewesen, die wir heute Obsidian nennen. Blitzeinschläge und Vulkanausbrüche hatten sie aus Sand herausgebrannt. Vor 3.500 Jahren mischten Menschen zum ersten Mal gezielt Quarzsand, Pflanzenasche und Kalk zusammen und erhitzten das Ganze auf 1.000 Grad. Sie hatten das Rezept für Glas gefunden. Heureka!
Glas ist das erste Material überhaupt, das Menschen künstlich herstellen konnten. Wahrscheinlich hatte man zufällig beim Brennen von Ton entdeckt, wie es entsteht. Es dauerte aber noch 1.400 Jahre, bis Handwerker die ersten Scheiben daraus fertigen konnten. Sie waren trüb und klein, aber ein Luxus. Nur die reichsten Bürger konnten sie sich leisten.
Die Zutaten für Glas haben sich seitdem wenig geändert. Aber die Ansprüche sind gewachsen. Das perfekte Fenster soll möglichst einbruchsicher und schalldicht sein und im Winter wenig Wärme nach draussen lassen. Wir sind Fenstern gegenüber viel zu unachtsam. Dabei sind sie eines der wichtigsten Bauelemente überhaupt.

Heute sind dreifach verglaste Scheiben mit Edelgasfüllung in fast jedem modernen Fenster Standard in der Schweiz. Das Gas dämmt Wärme zehnmal besser als Luft. Und es geht noch besser. Gerade wird daran gearbeitet, die Gasfüllung durch ein Vakuum zu ersetzen. Schall breitet sich im Vakuum gar nicht aus, und auch die Kälte würde nicht so gut durch die Scheiben dringen. Doch in grösseren Mengen werden solche Fenster wohl erst in 20 bis 30 Jahren auf den Markt kommen. Zudem gilt es vor allem in der Schweiz zu beachten, dass vakuumierte Gläser extremen Höhen- und somit Druckunterschieden vom Herstellerwerk zum Einbauort unterliegen können. Wie dieses Problem gelöst werden soll, weiss wohl noch niemand so genau.